Schnellschach in Bad Godesberg

Stell dir folgende Situation vor: Du befindest dich weit, weit weg von deinem Wohnort und findest dich nun in einer dir mehr oder minder unbekannten Gegend wieder. Du bist früh angekommen, hast die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Umgebung bereits abgehakt und somit den Abend frei. Was machst du?

Natürlich! Du suchst nach nahegelegenen Schachvereinen und schaust vorbei. Schließlich wird Schach in wirklich jedem Winkel unserer Republik gespielt.

Schach am anderen Ende der Welt

In meinem Fall wusste ich natürlich, dass es in Bonn, wo ich mich befand, jede Menge Schachvereine gab – schließlich ist NRW eine ziemliche Schachhochburg. Große Vereine mit einer Vielzahl an Mitgliedern sind hier keine Seltenheit und so ganz unbekannt ist mir die Gegend dann doch nicht.

Wie es der Zufall wollte richtete der Godesberger Schachklub just an diesem Abend ein Schnellschachturnier aus, nur wenige Meter von meinem Hotel entfernt. Schnellschach in Bad Godesberg: Dies also war die Abendbeschäftigung meiner Wahl!

„Blick“ auf das Spiellokal: Irgendwo zwischen den Bäumen

Rheinländische Direktheit

Im Rheinland ist man direkter als bei uns. Von langen Eröffnungsreden hält man nichts und auch die Ansagen zwischen den Runden beschränkten sich auf das Wesentliche.

„Die Bretter sind freigegeben. Und jetzt spielt!“

Der Turnierleiter

Ein Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen, versemmelte dafür aber direkt die erste Partie gegen den späteren Turniersieger. Der fühlte sich anscheinend ein bisschen gelangweilt, aber hey: Für mehr Spannung hätte er sehr gerne eine Leichtfigur zurückgeben können.

„Die nächste Runde hängt aus, setzt euch an eure Plätze.“

Kaum war die letzte Partie einer Runde beendet, hing auch sogleich die nächste Runde aus. Wie machte der Turnierleiter das nur?

Das Spiellokal des Godesberger SK von etwas näher

Fairplay wird in Bonn großgeschrieben

Folgende Situation: Der klare DWZ-Favorit (Weiß) verrechnete sich gehörig im Mittelspiel und musste mit drei Mehrbauern gegen eine Leichtfigur spielen. Schwarz spielt das Endspiel solide und findet dann den zweiten großen Fehler des Weißen, wonach er einen Freibauern erhält und Weiß seinen Turm dafür geben muss. Auch Schwarz wird kurz darauf seinen Turm für einen weißen Freibauern geben müssen, aber das entstehende Endspiel mit diversen Bauern und dem zusätzlichen Springer wird für Schwarz ohne Mühe gewonnen sein.

Mit einer Sekunde Restzeit auf der Uhr bietet Schwarz remis.

Der DWZ-Favorit guckt auf die Uhr, zögert kurz und schmunzelt, dann reicht er die Hand – die Leistung wird anerkannt!

„Das kann ich nicht mit reinem Gewissen ablehnen. Mit Schach hätte das sonst nichts zu tun.“

M. Müller

Meine Hochachtung dafür und Respekt noch obendrein! So manch ein Spieler aus der Hauptstadt könnte sich davon eine Scheibe abschneiden.

Schachkultur in Bad Godesberg

Auch sonst ist manches anders als im Großraum Berlin. Das übliche kurze, leise Reden am Brett direkt im Anschluss einer Partie (was lief falsch, wo war der entscheidende Fehler) wurde toleriert. Allerdings hat man sich grundsätzlich bemüht im Turniersaal leise zu sein und die anderen nicht zu stören, wodurch es insgesamt ausgesprochen ruhig und gesittet zuging.

Die Atmosphäre in dem malerisch im Park gelegenen Spielpavillon war jedenfalls sehr entspannt und angenehm.

So starke Gegner hatte ich noch nie

Klar: Im Einzelfall schon. Aber noch nie über ein ganzes Turnier hinweg und erst recht nicht in dieser Häufung! In allen 6 Partien war ich wertungsmäßig der Außenseiter, gleich 4 meiner Gegner konnten eine DWZ jenseits der 2100 aufweisen.

Die beiden „schwächeren“ Spieler konnte ich mit Schwarz jeweils besiegen. Gegen die 2100er lief es unterschiedlich, aber deren Siege waren letztlich verdient.

Ein Turmopfer zu viel

Interessant war besonders die letzte Partie gegen den Setzranglistenersten. Hier stand ich gar nicht schlecht, opferte im Zuge meines Angriffs aber einen Turm, um eine Figurenübermacht am Königsflügel zu erreichen. Es zeigte sich jedoch, dass die lokale Übermacht zu unkoordiniert war, um tatsächlich durchzubrechen: Ein bisschen wie ein wildes Barbarenheer gegen eine gut geordnete römische Legion.

In dieser Stellung zog ich 16. Le3? in der Annahme, dass der Läufer wichtiger sei als der Turm in der Ecke – ein Fehler, der die Partie verliert.

Die Analyse zeigte später, dass die Idee des Turmopfers völlig korrekt war, aber anders hätte ausgeführt werden müssen: Direkt 16. f6! wäre der richtige Zug gewesen mit der kritischen Variante 16. … Sxa1 17. Sg3!! Sg6 18. Sh5 Sb3 19. fxg7 Sxc1 20. gxf8=D Dxf8 21. Txc1 und Weiß stünde klar besser.

Stellung nach 21. Txc1

Fazit

Beim Schnellschach in Bad Godesberg erspielte ich mit 2.5 Punkten aus 6 Partien aufgrund der starken Gegner fast eine 2000er Leistung und konnte einige Erfahrungen sammeln.

Zudem konnte ich wieder einmal Eindrücke von außerhalb meines gewohnten Umkreises mitnehmen und dabei zugleich die rheinländische Schachkultur kennenlernen.

Insgesamt also ein gern gespieltes Turnier. Meinen Dank an die Turnierleitung für die perfekte Organisation!