Rafael gewinnt in Korbach

Vom 03.10.2019 bis zum 06.10.2019 fand in Korbach das 11. Korbacher Open statt. Wie bereits im vergangenen Jahr nutzte ich die Chance daran teilzunehmen, auch wenn sich der Termin in diesem Jahr mit einigen regionalen Turnieren überschnitt. Jedoch machten es mir die hervorragenden Erfahrungen aus dem letzten Jahr leicht, mich erneut für Korbach zu entscheiden.

Schon allein die Altstadt von Korbach ist die Reise wert.

Vier Tage Leistungssport

Das besonders Attraktive am Korbacher Open ist die Aufteilung der Teilnehmer in drei Gruppen. Dadurch sind mir in der A-Gruppe sieben Partien gegen Gegner meiner Spielstärke oder höher quasi garantiert. Das ist ein riesiger Unterschied zu Turnieren ohne Gruppeneinteilung, wo aufgrund des Hoch- und Runterpendelns bei gleicher Rundenanzahl nur drei oder vier solche Partien zu erwarten sind und die erbrachte „DWZ-Leistung“ entsprechend schwankt.

In Korbach hat man darüberhinaus noch perfekte Turnierbedingungen geschaffen. Dieses Jahr fand das Turnier in der Korbacher Stadthalle statt, an das direkt ein Hotel (leider ausgebucht) und die Schwimmhalle angrenzte. Das ermöglichte es mir und allen anderen Teilnehmern, die Wert darauf legten, nicht nur mit voller Konzentration an die Partien heranzugehen, sondern sich im Anschluss an die Partien auch sofort wieder zu erholen und die Möglichkeit zum Ausgleichssport zu nutzen.

„Recover, recover, recover“

Mein Abendmotto in Korbach

So ergab sich mein Tagesrhythmus quasi von alleine: Aufstehen, Frühstück, Vormittagspartie, dann nach Möglichkeit etwas ausruhen, dann die Nachmittagspartie und anschließend ins Schwimmbad, um die Batterien wieder aufzuladen und fit zu sein für den nächsten Tag.

Maximaler Fokus

Auch sonst bemühte ich mich um maximalen Fokus. Angereist war ich mit dem Vorsatz zu gewinnen, denn so langsam wurde es mal wieder Zeit – ganz unabhängig von der Wahrscheinlichkeit. Ich betrachtete jede Partie für sich und versuchte stets das bestmögliche Ergebnis zu holen ohne Berücksichtigung des Gesamtergebnisses. Nach der Partie war dann sofort Schluss mit Schach und stattdessen Entspannung angesagt, bis es später weiterging mit der nächsten Partie.

Von Ralf habe ich den Ratschlag beherzigt, mich vor den Partien nicht mehr mit Schach zu beschäftigen.

So vorbereitet ging es dann in die sieben Partien des Turniers.

Die ersten beiden Partien

Die erste Partie war das Sinnbild eines kaputten Eröffnungssystems – meine Vereinskollegen wissen wahrscheinlich, welche Eröffnung gemeint ist. Ich spielte mit Schwarz und konnte schön darlegen, warum Weiß so nicht spielen sollte. Dadurch erreichte ich positionelle Dominanz und hatte gar die Zeit für ein sechszügiges Springermanöver, um meine Stellung maximal zu verstärken.

Allerdings entgingen mir an dieser Stelle zwei schöne taktische Motive, die für einen Sieg wohl relevant gewesen wären. So führte die Abwicklung zu nicht viel und als die Partie auch aufgrund der Zeitsituation für beide Seiten zu einem Glücksspiel wurde einigten wir uns schließlich auf Remis.

In der zweiten Partie spielte ich mit den weißen Steinen und erreichte eine vielversprechende Stellung, allerdings ohne etwas Zwingendes für mich. Dennoch verbrauchte mein Gegner bereits fast seine komplette Bedenkzeit – aber er muss Gespenster gesehen haben. In dem folgenden Schwerfigurenendspiel verlor ich dann blöderweise mehrfach die Übersicht und mir blieb nur die Aufgabe.

Extrem lange Abendpartie

Die Eröffnung der zweiten Partie spielte ich mit Schwarz etwas unambitioniert. Es kam zum Damentausch und das folgende Mittelspiel war komplett ausgeglichen. Hier aber brachte ich eine gewisse Mentalität ein, die neu für mich war und über die man gerne Schmunzeln darf.

„Der hat ja nur 1800 DWZ, also wird er noch seine Fehler machen.“

Ich fand mehrere taktische Motive in der Stellung, die zu dieser Zeit zwar noch nicht möglich waren – aber einige Züge später dann doch. Dadurch gelang mir ein Bauerngewinn und kurz darauf akzeptierte ich gerne die Abwicklung in ein Endspiel mit gleichfarbigen Läufern in der Absicht, den Mehrbauern zu verwerten.

Das Endspiel erforderte sehr genaues Spiel, viel konkretes Rechnen und es dauerte ewig. Erst als die Bauern am Damenflügel alle getauscht waren und die Läufer auch, war endgültig klar, dass das entstandene Bauernendspiel leicht gewonnen war und ich holte den Punkt.

Und noch ein langes Endspiel

Meine zweite Weißpartie verlief zunächst genau nach Plan. Ich erreichte eine strategisch vorteilhafte Stellung und parierte die Drohungen des Gegners. Dann verrechnete er sich und verlor nicht nur einen Bauern, sondern bekam auch das schlechtere Endspiel: Ich hatte Dame und Springer gegen Dame und Läufer, der Springer stand zudem aktiv.

Statt auf Matt zu gehen, was vielleicht möglich gewesen wäre, wählte ich den vermeintlich einfacheren Gewinnweg mit einem Freibauern. Jedoch stand meine Dame nun kurzzeitig abseits, was meinem Gegner bessere Chancen auf ein Dauerschach ermöglichte. Es zeigte sich, dass diese Abwicklung keineswegs so einfach war wie angenommen…

Dann stand er tatsächlich kurz vor dem Dauerschach. Ausgerechnet im 40ten Zug musste ich dann die Entscheidung treffen: Stellungswiederholung oder Springeropfer? Aber ich hatte schon zuvor daran gerechnet und einen Zug vor der Zeitkontrolle opferte ich die Figur zugunsten eines Tempos für meinen Freibauern.

Die entstandene Stellung war ein bisschen absurd und entbehrte nicht einer gewissen Komik. Zuvor hatte mein Gegner noch Dauerschachideen, jetzt aber hielt mein König seine Dame in Schach. Zwar gab es grobe Mattideen für ihn, aber diese funktionierten nicht. Im Zweifelsfall wäre sein Läufer genau ein Tempo zu langsam, um den Freibauern aufzuhalten und in manchen Varianten konnte ich gar den Freibauern opfern, um einen zweiten durchzuschieben. In der Folge wandelte ich den Freibauern um und weil mit der Doppeldame sogar Matt nicht zu vermeiden war resignierte mein Gegner.

Ein Remis, mit dem ich zufrieden sein muss

In der fünften Partie geriet ich gegen einen Jugendlichen ziemlich unter Druck. Ich denke, dass ich hier einige Motive und Ideen nicht korrekt gespielt hatte. Als ich aber abwickeln konnte in ein Springerendspiel, in dem ich zumindest temporär einen Mehrbauern auf dem Brett hatte, bot ich Remis, das mein Gegner akzeptierte.

Nach den langen Partien zuvor war ich froh, dass zumindest das Springerendspiel an mir vorüberging. In dem Moment hatte ich nämlich wirklich keine Lust dieses auch noch zu rechnen.

Ein andermal vielleicht.

Dänischer Sonntag

Am Sonntag bekam ich es mit zwei Dänen zu tun. In der Vormittagspartie geriet ich in eine schlechtere Stellung und wickelte dann sogar noch in ein Doppelturmendspiel ab, das mit Schwarz recht einfach zu gewinnen ist. Aber nach ein paar falschen Zügen meines Gegners war es dann doch nicht mehr so einfach. Ausgerechnet wieder kurz vor dem 40ten Zug hatte ich die Wahl: Bauernendspiel oder Turm und Läufer oder nur ein Turmendspiel? Das Bauernendspiel gefiel mir nicht. Mit Läufer und Turm vermutete ich zu gute Chancen für ihn. Vom Turmendspiel war ich zwar auch nicht überzeugt, aber:

„Turmendspiele sind alle remis.“

Und einige Züge später, als es einigermaßen solide aussah, bot ich dann auf Verdacht hin Remis, das er mit einem dänischen „Yes!“ auch akzeptierte.

Eine irrsinnige letzte Partie

Die letzte Partie war krass.

Ich war wieder Weiß. Die Stellung, die ich aus der Eröffnung heraus erreichte, war nicht nur gut, sondern sehr gut. Mein Bauernsturm drohte bereits die Partie vorzuentscheiden und seinem Läufer gingen die Felder aus. Mein 16ter Zug sollte irgendwas gewinnen – entweder den Läufer oder einen Bauern und die Stellung. Mein Gegner gab lieber den Läufer. Zwar war er nicht komplett ohne Gegenspiel, aber eigentlich – objektiv – hatte er keine Drohung mehr und somit einfach einen Läufer weniger.

„Gewonnen ist die Partie erst, wenn der König liegt“

Eine meiner harten Lehren aus der Vergangenheit

Doch mir wurde klar, dass er nicht aufgeben würde: Nicht so bald und wahrscheinlich überhaupt nicht. Also verdrängte ich alle derartigen Gedanken und konzentrierte mich nochmal ganz auf die Partie. Und zwar stundenlang! Ständig versuchte er Drohungen aufzustellen mit seiner Dame, da mein König unsicher stand. Immer wieder. Ich baute Mattdrohungen auf, aber wieder drohte er mit Dauerschachs. Musste ich etwa wirklich noch meine verbundenen Freibauern durchschieben?

Irgendwann machte er vielleicht einen Fehler. Ich überlegte meinen Turm zu opfern und dann die Dame zu tauschen, denn die Bauern waren bereits auf der fünften und der sechsten Reihe und ich hatte auch noch den Läufer. Das musste doch reichen!

Das überraschende 46.Txh6+ gxh6 47.Dc3+ Dxc3+ 48.Kxc3 gewinnt dank der starken Freibauern.

Trotzdem entschied ich mich stattdessen dafür, das Material zu verwalten. Ich musste hier nichts riskieren. Wieder die Drohungen mit dem Dauerschach und ich zog auch noch meinen Turm zurück. Jetzt stand mein König endlich sicher! Dann folgte c7 und dann, endlich, opferte ich den Turm, um den Bauern umzuwandeln. Und das reichte wirklich. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, aber endlich gab mein Gegner auf. Was hatte der für einen Widerstand geleistet!

Die Endstellung der Partie.

Siegerehrung

Mit 4,5 Punkten aus 7 Partien gegen 2000er TWZ gewann ich die Ratinggruppe 1800-2000 TWZ. In der Endrangliste belegte ich Platz 12 bei 77 Teilnehmern und Startrang 57. Mit den ganzen GMs zusammen auf der Bühne zu stehen hatte was. Daran könnte man sich gewöhnen… 😉

Fazit

Wer in Korbach nicht mitspielt und die hervorragenden Turnierbedingungen nicht nutzt sowie die Möglichkeiten drumherum, der verpasst etwas. Ich fahre gewiss auch nächstes Jahr wieder hin und wer mitfahren möchte darf sich gerne melden.