Rafael gewinnt auch in Magdeburg

Genau eine Woche nach dem grandiosen Turnier in Korbach wurde vom 10.10.2019 bis zum 13.10.2019 das 27. Magdeburger Open 2019 ausgetragen.

Da vom Turniermodus her ähnliche Bedingungen geboten wurden wie in Korbach, nutzte ich auch in diesem Jahr die Chance gleich im Anschluss das nächste stark besetzte Turnier mitzuspielen. Diesmal ohne besondere Ambitionen: Denn so ein starkes Turnier wie in Korbach spielt man nur einmal im Jahr. Aber natürlich wollte ich die Leistung nach Möglichkeit bestätigen.

Besondere Turnierbedingungen

Anders als bei Turnieren im Schweizer System normalerweise üblich zählte in Magdeburg die Turnierleistung als einzige Zweitwertung anstelle der Buchholzpunkte. Auf mich persönlich wirkt das fairer, ist es doch eine direktere Aussage über die Stärke der Gegner als die indirekte Wertung über Buchholz und Buchholzsumme. Nur mit dem „Bye“, das in den ersten vier Runden genommen werden durfte, harmoniert das nicht so ganz.

Ein Verbesserungsvorschlag wäre, dass man für jeden Spieler ausgehend von der selben DWZ einen hypothetischen DWZ-Gewinn (oder Verlust) berechnet und diesen als Wertung heranzieht. Dann spielt nämlich auch die Anzahl der tatsächlich gespielten Partien eine Rolle und der Zweitwertungsvorteil durch ein strategisches „Bye“ entfällt.

Gute Organisation des Turniers

Die Organisatoren des 27. Magdeburger Opens haben sich alle denkbare Mühe gegeben und das Turnier blitzsauber über die Bühne gebracht. Auch das Verpflegungsangebot war top und wurde dankend in Anspruch genommen.

Mit dem Hegel-Gymnasium hat man einen gut gelegenen und gut ausgestatteten Austragungsort für das Magdeburger Open. Platz ist hier mehr als genug und auch die sanitären Einrichtungen sind sauber und in ausreichender Zahl vorhanden: Keineswegs selbstverständlich! Einzig die Lautstärke war ein Problem. In der Aula der Schule, wo die Partien stattfanden, war es durchgehend laut. Ich kannte das schon aus dem letzten Jahr und habe deswegen Ohrenstöpsel mitgebracht – damit ging es. Mir wurde aber später gesagt, dass ich deswegen das ein oder andere Remisangebot überhört habe.

Ausgleichssport nach den Partien war anders als die Woche zuvor in Korbach diesmal nicht so recht möglich. Die Innenstadt von Magdeburg lädt einfach nicht dazu ein. Daher blieb mir nichts anders übrig als mich zunächst auf die Partien zu konzentrieren.

Weitergemacht wo aufgehört

Noch „Voll im Fokus“ und ohne spezielle Vorbereitung machte ich also einfach da weiter wo ich in Korbach aufgehört hatte.

Mein erster Gegner hatte gleich mal über 2100 TWZ. Es kam eine Variante aufs Brett, die ich gerade erst letzte Woche gespielt hatte. Mein Gegner zog schnell und gab sich beste Mühe zu behaupten, dass er Bescheid wüsste. Aber – nein. Er hatte keine Ahnung. Er wählte dann einen Plan, der strategisch gewiss zweifelhaft ist und ich bemühte mich um Aktivität. In den entstandenen Komplikationen verlor er die Übersicht, patzte – und dann war es plötzlich Matt in vier.

Ein nicht ganz klares Damenendspiel

In der zweiten Partie geriet ich in die passivere Stellung, konnte aber in ein ausgeglichenes Endspiel abwickeln. Im 40ten Zug musste ich mich dann schnell entscheiden und wählte das falsche Feld für meinen Springer – mein Gegner stand kurzzeitig auf Gewinn, sah aber seine Chance nicht und zog ebenfalls fehl. Kurz darauf patzte er. Froh, der Gefahr entronnen zu sein, bot ich Remis, das er nicht ablehnen konnte.

Die Endstellung ist nicht ganz einfach zu bewerten. Mein Gegner war nach der Partie der Meinung ich müsste das weiterspielen und damit hat er auch recht – man sollte es zumindest versuchen. Ich hatte in den wenigen Minuten, die ich über die entstehende Stellung nachdenken konnte, vermutet, dass er eine bestimmte Verteidigung hat und dass ich zum Gewinn – sollte denn einer da sein – selber auch einige genaue Züge machen muss. Ein mögliches Tempoendspiel wollte ich mit weniger Bedenkzeit auf der Uhr vermeiden und das Remis war okay für mich.

Weiß zog gerade 44.g5?? und nach 44…Lxg5 bot ich Remis. Es gibt einen Gewinn für Schwarz, der aber nicht einfach ist.

Ungleiche Materialverhältnisse

Den vermeintlich leichtesten Gegner mit „nur“ 1900er TWZ bekam ich in Runde 3. Daher quälte ich mich und ihn auch in einem objektiv remisen Mittelspiel, das allerdings für Weiß nur schwer zu verlieren ist. Eine ähnliche Stellung hatte ich z.B. beim Ludwigsfelder Herbstturnier auf dem Brett. Diesmal wollte ich es besser machen.

Mit der Ausgeglichenheit war es vorbei, als ich eine Qualität opferte für drei Bauern. Das sollte jetzt in ferner Zukunft gewinnbar sein! Dann brach mein Gegner am Königsflügel durch. Auch er hatte dabei einen Bauern geopfert und dafür einen weit vorgerückten Freibauern am Rand erhalten. Meine einzige Chance: Ich musste es schaffen mit meinem Springer – nicht mit dem Turm! – den Bauern zu schlagen. Also überführte ich den Springer mit Tempogewinn von einem Rand zum anderen. Dann wickelte ich ab: Ich opferte auch noch den Springer, um ein Endspiel mit drei verbundenen Freibauern gegen einen Turm zu erhalten, das aufgrund der Königsstellung gewonnen ist.

Dieses Endspiel ist elementar gewonnen für Weiß.

Bedeutungsvolles Rematch in Runde 4

In der vierten Partie bekam ich Philipp Richter aus Leipzig zugelost. Dieses Duell hatten wir schon einmal vor zwei Jahren in Falkensee. Seitdem wusste ich um seine Stärke und wenn es irgendeinen Gegner gab, gegen den ich nicht unbedingt antreten wollte, dann war das er.

Doch diesmal endete die Partie schnell. Philipp kannte sich aus, natürlich, aber er weigerte sich zu rochieren und in diesem Fall kannte ich das entscheidende Motiv. In den Komplikationen stellte er eine Figur ein und die Stellung gab für ihn auch nichts mehr her. Philipp war wie immer fair und gab auf.

Bis hierhin also 3,5 Punkte aus 4 Partien, was für die nächste Partie Böses erahnen ließ

Match of the Year

„Was immer heute passiert…“

Stresstest für mein Repertoire: In Runde 5 bekam ich mit Schwarz einen norwegischen FM vorgesetzt. Gar keine Frage, dass ich mich innerlich auf das Spiel des Jahres vorbereitete.

Der FM spielte auf Sieg. Ich hielt voll dagegen und wusste wie solche Stellungen zu spielen sind. Wir erhielten ein Turmendspiel. Später wird der FM sagen, dass er dachte, dass vielleicht was geht, aber dass ich es gut gespielt hätte. Ich brach mit einem Freibauern durch, der so stark war, dass er den Turm dafür geben musste. Aber auch ich musste anschließend meinen Turm geben: Remis. Mein Repertoire hielt und ab jetzt war es FM-erprobt. Nach fünf Runden stand ich weiter ganz weit oben und bei einer zwischenzeitlichen Turnierleistung von 2300.

Die Engine wird mir später sogar mehrere verpasste Siege aufzeigen.

Zweiter Stresstest im Anschluss

Gegen Jannis Lange vom Greifswalder SV musste ich erneut verteidigen. Glücklicherweise konnte ich meine Vorbereitung aus der Vorgängerpartie wiederverwerten. Weder Weiß noch Schwarz erlangte jemals einen nennenswerten Vorteil und wir endeten in einem Läuferendspiel, das für keine Seite zu gewinnen war. Also erneut Remis: Der „Ludwigsfelder Wall“ hielt stand.

Nichts zu wollen für niemanden.

Endspiel um die Platzierung

In der letzten Partie entschied ich mich dafür auf Sieg zu spielen. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte ich den Ratingpreis sicher und mit einem Sieg spielte ich um die Plätze 2-4, ein Remis hingegen reichte gerade so nicht für die Platzierungen.

Aber diesmal fehlte mir die Konzentration und meine mentale Vorbereitung war nicht gut. Just als die Stellung verwertbar wurde machte ich einen groben Fehler und stellte einen wichtigen Bauern ein, was zugleich die Partie verlor. Ich spielte noch kurz weiter, aber zu holen war hier nichts mehr.

Lernen von den Meistern

Ich nutzte dann anschließend die Gelegenheit beim IM-Turnier die Partie zwischen IM Michael Kopylov und GM Viesturs Meijers zu verfolgen. Es war sehr beeindruckend, wie der GM mit einem Bauern weniger das Endspiel sauber ins Remis abwickelte. Obwohl er gefühlt alleine für die Zugausführung die 30 Sekunden Inkrement verbrauchte schien seine verbleibende Bedenkzeit dabei nicht weniger zu werden. Meine Erkenntnis also an dieser Stelle: Uhren von GMs laufen grundsätzlich langsamer.

Siegerehrung

„Hard work pays off“

Wie schon in Korbach erreichte ich 4,5 Punkte aus 7 Partien und bestätigte das Ergebnis. In Magdeburg waren meine Gegner jedoch nochmal ein gutes Stück stärker. Mit einer Turnierleistung von offiziellen 2159 DWZ war das 27. Magdeburger Open 2019 mein bisher bestes Turnier. Ich erreichte Platz 10 bei 92 Teilnehmern, gewann (zum letzten Mal!) die Gruppe unter 1900 TWZ und erspielte die beste relative Turnierleistung.

Für meine DWZ und ELO wird das bedeuten, dass ich nach den Auswertungen aus Magdeburg und Korbach einfach mal so von 1800 auf über 1900 springe.

Fazit

Sicherlich werde ich auch im nächsten Jahr erwägen in Magdeburg teilzunehmen. Mit der Lautstärke kann man sich arrangieren und davon abgesehen war es ein wirklich gut organisiertes Turnier mit einem ansprechenden Teilnehmerfeld.

Jetzt werde ich erst einmal eine kurze schachliche Pause einlegen. Das nächste wichtige Turnier ist dann allerdings bereits die Landes-Einzelmeisterschaft am Ende des Monats mit vielleicht nochmal einen Tick stärkeren Gegnern.