Thilo gewinnt in Neubrandenburg

Auch in diesem Jahr war das alljährliche Eintracht-Open in Neubrandenburg wieder ein fester Bestandteil meines Turnierkalenders. In diesem Jahr war Thilo mit von der Partie. Nach seinen enormen Fortschritten in letzter Zeit, u.a. beim 7. Weihnachtsturnier, dem 4. Platz beim Neujahrsblitz und seinen Remisen in der Regionalklasse gegen DWZ 1500 und 1450, waren wir uns schon im Vorfeld einig, dass er in der C-Gruppe prinzipiell jeden Gegner schlagen kann. Aber zu diesem Zeitpunkt war das noch nur eine vage Hoffnung.

„Kein Leistungsdruck!“

Ein nicht sehr hilfreicher Kommentar auf der Hinfahrt.

Trotz dass uns das Navi einen anderen Weg geschickt hat als geplant, kamen wir insgesamt ganz gut durch. Man sieht eben jedes Jahr etwas Neues.

Ein kurzer erster Abend

Fast pünktlich wurde kurz nach 19 Uhr die Auslosung bekannt gegeben und das Turnier begann.

Thilo war leider sehr schnell fertig. Er hatte spielfrei bekommen, weil er noch keine DWZ hatte und so weit hinten im Alphabet steht – deshalb war er in der C-Gruppe als Letztplatzierter gesetzt.

Ich hatte Weiß und einen Jugendlichen aus Greifswald mit 1702 DWZ. Mein Gegner opferte früh einen Bauer, wodurch ein sehr taktisch geprägtes Spiel entstand, bei dem ich letztlich den besseren Blick hatte (oder auch einfach nur das Glück, dass alles irgendwie aufzugehen schien).

In diesem unausgeglichenen Endspiel patzte mein Gegner und zog 34…c5?, wonach der weiße Springer mit Tempo zu den schwachen Bauern am Königsflügel gelangt. In der Partie gelang es mir, diese verlustfrei abzutragen, sodass die Mehrfigur dann entscheidend zur Umwandlung beitrug.

Starke Gegner am nächsten Morgen

Für mich ging es in der zweiten Runde gegen den Zweiten der Setzrangliste, während Thilo in seiner Gruppe ebenfalls gegen ein Schwergewicht ran musste, nämlich gegen die Nummer Drei mit über 1200 DWZ.

Bei meiner Partie war ich einfach blind. Ich habe die ganzen guten Züge nicht gefunden und bin dadurch in unnötige Schwierigkeiten geraten. Ein Qualitätsopfer brachte meinem Gegner dann entscheidenden Vorteil, den ich nicht mehr ausgleichen konnte.

Zwischendurch hatte ich schon bei Thilo geguckt und fand, dass es ein gutes Zeichen war, wenn er einen Mehrbauer hat und sein Gegner ungläubig den Kopf schüttelt. Thilo machte es dann jedoch nochmal spannend, als er in herausgespielter Gewinnstellung einen Turm hängenließ. In herber Zeitnot griff sein Gegner kurz darauf ebenfalls fehl, stellte die Dame ein und gab auf. Thilo gewann – es war zwar am Ende Glück dabei, aber er hatte die längste Zeit die bessere Stellung und auch besser gespielt. Somit war der Punkt durchaus verdient.

Ungenutzte Gewinnstellungen am Abend

Während Thilo in seiner Gruppe von nun an am ersten Brett gegen den Setzlistenersten knobeln durfte, gelang es mir, gegen einen gemütlichen älteren Herren meine Stellung zusehends zu verbessern und Vorteile herauszuspielen. Eine erste Mattmöglichkeit habe ich völlig übersehen, aber auch so hatte ich eine starke Gewinnidee, indem ich meinen c-Bauern mit Tempogewinn bis auf die 6. Reihe vorschob.

In dieser Stellung gibt es nicht viele Möglichkeiten zu verlieren – aber 28.Td7?? ist definitiv eine. Stattdessen gewinnt das einfache 28.g3, weil Schwarz überhaupt keine sinnvollen Züge mehr hat.

Nach dieser ungemein ärgerlichen Niederlage stellte sich heraus, dass auch Thilo eine Gewinnstellung nicht genutzt hatte. In einem Bauernendspiel mit Mehrbauer akzeptierte er das Remisangebot des Setzlistenersten. Man kann halt noch nicht jedes Thema ausgiebig behandeln, aber ich denke mal, wir setzen uns künftig trotzdem dran. Dennoch hat er aus seiner Gewinnstellung mehr gemacht als ich!

Anschließend gingen wir in den „Mudder-Schulten-Stuben“ etwas essen, weil das „Wiekhaus 45“ geschlossen hatte – bei Mudder Schulten vermutete man, wegen Reichtum. Während ich wie immer meinen Mecklenburgischen Pflaumenbraten wählte, bestellte Thilo zu später Stunde ein Bauernfrühstück. Ja, ja, die Jugend ^^

Thilos großer Tag

Vielleicht wäre das Bauernfrühstück aber die bessere Wahl gewesen, denn die Ergebnisse am nächsten Tag sprachen für sich.

Rafael bei der fünften Partie am Karnevalssonntag.

Während ich oben in der A-Gruppe nach dem vierten Zug bereits ans Aufgeben dachte, spielte Thilo unten wieder an Brett 1 gegen einen anderen Jugendlichen, der bisher alles gewonnen hatte und einen starken Eindruck hinterlassen hatte.

Ich setzte zügig noch ein paar Figuren, aber da war nichts mehr zu machen. Als dann Matt in 10 (oder so) auf dem Brett war, gab ich auf und rauschte neugierig ab in den anderen Spielsaal, wo Thilo ein wenig überrascht war, mich bereits bei seinem zehnten Zug zu sehen. Thilo hatte schon wieder einen gesunden Mehrbauern und dazu einen guten Stellungsvorteil.

Aber er war irre nervös, schon wegen der Situation an sich, aber auch weil sein Gegner mit Begleitung da war, die immer wieder am Brett stand. So hatte mein frühes Aus letztlich auch etwas Gutes, denn Thilo spielte fortan mit meinem Käppi und konnte seine Umgebung damit ausblenden.

Die Partie von ihm war wirklich gut, er hat fast alles gesehen und konsequent gespielt. Für eine taktische Finesse hat ihm lediglich ein einziger Zug gefehlt, den weder sein Gegner noch dessen Trainer auf dem Schirm hatte. Aber kurze Zeit später konnte er trotzdem abwickeln, weil er zurecht seine beiden weit vorgerückten Freibauern stärker einschätzte als den gegnerischen Turm!

Der entscheidende Moment

In der letzten Runde bekam ich nochmal eine Chance, mein Ergebnis zu verbessern. Mein Gegner spielte den Skandinavier ungenau und ließ einen wuchtig aussehenden Angriff zu, den ich wahrscheinlich falsch gespielt habe. Bestimmt wäre irgendwo mehr drin gewesen, aber ich hatte es nicht gesehen. War aber nicht schlimm – als ein vermutlich nicht mehr zu verwertendes Schwerfigurenendspiel auf dem Brett war, akzeptierte ich das Remisgebot des Gegners und holte somit „nur“ den halben Punkt.

Thilo hatte seiner Gegnerin unnötig Chancen gelassen und nacheinander seine Mehrbauern eingestellt. Dann aber bekam er eine Stellung aufs Brett, die wir genau so schon im Training behandelt hatten, und holte aus der Philidor-Stellung heraus den vollen Punkt!

Nach der Turmfesselung erhält Thilo die Opposition und kann den Bauern umwandeln.

Mit 4,5 Punkten stand Thilo somit als Sieger in der C-Gruppe fest, einen halben Punkt vor seinen Konkurrenten und auch mit besserer Buchholzwertung.

Siegerehrung

Es ist total beeindruckend, was Thilo in seinem ersten Schachjahr bereits geschafft hat. Bei ihm zeigt sich sehr, dass Motivation und Ehrgeiz die wichtigsten Eigenschaften sind, um nach oben zu kommen. Das, gepaart mit guter Eigeninitiative und weiterem Intensivtraining, wird ihm noch viele schöne Partien bescheren.

Für ihn war das sicherlich ebenso ein besonderes Erlebnis. Gefühlt hat nach der dritten Runde die Hälfte der Teilnehmer (und Betreuer) mit ihm mitgefiebert und ihm die Daumen gedrückt, schließlich war er nominell der totale Underdog mit der tiefsten Startnummer. Jetzt hat er bei seinem zweiten DWZ-Turnier gleich gewonnen und darüber hinaus eine Erst-DWZ von 1436 erhalten, was ungewöhnlich hoch ist.

Thilo, nächste Saison erwarte ich dich in der Regionalliga 🙂

Fazit

Nächstes Jahr findet das Turnier erneut vom 19.02.-21.02. statt. Vielleicht gelingt es dann ja, noch den ein oder anderen weiteren Mitspieler zur Teilnahme zu überreden. Mit zwei Pokalen aus vier Teilnahmen ist die Ludwigsfelder Quote bisher ganz gut – und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass das Turnier als Motivationshappen taugt!