Zurück ans Schachbrett: Die BEM 2021 in Halle

Die Vorfreude war groß: Endlich mal wieder ein Schachturnier!

Während man vielerorts – nicht nur bei uns – noch mit den Folgen der Corona-Pandemie zu kämpfen hat, richtete der Schachbezirk Halle in Sachsen-Anhalt am vergangenen Wochenende die Offene Bezirkseinzelmeisterschaft Halle aus, bei der gleichzeitig auch die neue Landesmeisterin der Frauen gekürt werden sollte.

Nun befindet sich Ludwigsfelde zwar nicht ganz genau in Sachsen-Anhalt, aber das hielten Thilo und mich nicht davon ab, diese Gelegenheit zum Schachspielen wahrzunehmen und endlich wieder Spielpraxis zu sammeln: Mit echten Figuren, gegen reale Gegner und ohne die zahlreichen Ärgernisse des Online-Schachs.

Obwohl es auch ein wenig ungewohnt war, keine Premoves machen zu können… 😉

Mal wieder ein echtes Schachturnier in einer Schach-Location spielen zu können, ist wunderbar!

Ungewohntes Spielstärkeniveau für Thilo

Für Thilo war es erst das dritte Turnier nach der DSAM Potsdam und seinem Sieg in Neubrandenburg im vergangenen Jahr. Diesmal sollte es jedoch kein Gruppensystem geben und das bedeutete, dass Thilo zum ersten Mal überhaupt in einem Schachwettkampf mit einem Spielstärkeniveau von 1600 und höher konfrontiert wurde.

Dass er inzwischen gut genug dafür ist, wussten wir – doch Theorie und Praxis sind nun mal etwas anderes. Die Nervosität war ihm deutlich anzumerken.

Gespielt wurde im beschleunigten Schweizer System. Zu meinem Glück scheine ich durch die Turniere in Magdeburg und Korbach vorletztes Jahr endlich aus dem „Verlierer-Viertel“ herausgerutscht zu sein – so wurde ich auf Startrang 4 gesetzt und konnte feststellen, dass man im obersten Viertel durch das beschleunigte System offenbar wieder Vorteile genießt.

Perfekte Organisation

Spielort und Turnierorganisation waren ungefähr so, als hätte man während der Lockdowns tagtäglich den Ablauf eingeübt: Es war einfach perfekt!

Es gab genügend Platz zwischen den Tischen, es gab genügend Toiletten, mehrere Waschbecken – selbst das Klopapier wurde nachgelegt! Zwischen den Runden gab es einen perfekt organisierten Imbiss mit Bockwurst, Brötchen und Kuchen – serviert von freundlichen, hilfsbereiten Damen. Man fühlte sich wie im siebten Schachhimmel.

Überhaupt hat man gemerkt, dass die Freude am Schachspiel bei allen Teilnehmenden sehr groß war und die Höflichkeit der Leute war bemerkenswert. Ich habe es beispielsweise noch nie erlebt gehabt, dass mich mein Gegner von ferne zurück ans Brett winkte, nachdem er seinen Zug gemacht hatte.

Blick in den Spielsaal. So viel Platz hatte man in der Vergangenheit selten, aber so kann es gerne bleiben.

Runde 1

In meiner ersten Partie spielte ich gegen Yara Mathilda Stowicek, die später Landesmeisterin von Sachsen-Anhalt wurde. Es war eine gute Partie, allerdings von beiden Seiten. Das Mittelspiel war lange ausgeglichen mit höchstens minimalem, eher theoretischem Vorteil für Schwarz.

Etwas überraschend drehte sich das Blatt genau in dem Moment, in dem ich schließlich einen Bauern gewann: Ich unterschätzte die Aktivität, die meine Gegnerin dadurch entwickeln konnte, und musste mich plötzlich akkurat verteidigen. In Zeitnot übersah ich eine Springergabel und musste aufgeben. Respekt an meine Gegnerin: Das war eine richtig starke Partie gewesen.

Thilo spielte währenddessen gegen einen 1600er Jugendspieler aus Berlin. Er tauschte früh die Damen und erreichte so ein Endspiel, in dem er sich mit Weiß wohlfühlte. Nachdem es ins Bauernendspiel übergegangen war, hatte Thilo sogar den Gewinn auf dem Brett und diesen auch korrekt gesehen. Nur der fehlenden Erfahrung war es geschuldet, dass er den drohenden Bauerndurchbruch des Gegners nicht ernst genug nahm. So musste er am Ende leicht enttäuscht berichten, dass er gegen einen 1600er „nur remisiert“ hatte.

Nach dem Partiezug Kxc4 kann Schwarz sich ins Remis retten. Was muss Weiß ziehen, um tatsächlich zu gewinnen?

Runde 2

Thilos zweiter Gegner, wieder um die 1600, spielte die Bent-Larsen-Eröffnung. In der Anfangsphase zogen beide Seiten ein wenig ungenau, wonach Weiß zunächst leicht besser stand. Im Mittelspiel allerdings überspielte Thilo seinen Gegner: Seine Entscheidungen waren positionell gut und strategisch sinnvoll, die seines Gegners eher zweifelhaft. So gewann Thilo zunächst einen Bauern und dann die Partie, als sein Gegner einen Turm stehenließ.

Auch ich erzielte schnell positionelle Vorteile. Ich gewann bald einen ersten Bauern, dann einen zweiten. Danach wickelte ich ab in ein Endspiel mit zwei Mehrbauern und einem starken Springer gegen einen Läufer. Leider verfolgte ich hier einen komplett falschen Plan – oder zumindest einen, der mich nicht weiterbrachte. Das Endspiel war vom Anfang bis zum Ende gewinnbar, aber ich habe den Weg dahin nicht gesehen. So endete diese Partie letztendlich mit König vs. König in einem für mich unzureichenden Remis.

Der Analysebereich. Hier konnte man Partien analysieren oder Endspiele üben.

Runde 3

Dafür gestaltete sich meine dritte Partie relativ einfach. Den kritischen, aggressiven Angriff meiner Gegnerin konnte ich ohne nachzudenken kontern – das hat sie sichtlich verunsichert. Kurz darauf lief sie selber in eine Stellung hinein, bei der sich plötzlich alle meine Figuren im Angriff befanden. Darüber hinaus wusste ich, wie ich diesen Angriff zu spielen hatte: Pech für meine Gegnerin – Glück für mich.

Auch Thilo war in Opferlaune. Die Eröffnung wirkte insgesamt etwas konfus, aber Thilo konnte Aktivität entwickeln und spielte auf Angriff. Er entschied sich richtig für ein Figurenopfer – wählte allerdings das falsche Feld. So war das Opfer letztlich inkorrekt, doch seine Gegnerin nutzte ihre Chance nicht zu ihrem Vorteil. Infolgedessen aktivierte Thilo seine Türme, eroberte die feindliche Grundreihe, und als weiterer Materialgewinn unausweichlich war, kapitulierte seine Gegnerin.

So standen wir am Abend vor dem letzten Tag bei 1,5 Punkten und 2,5 Punkten aus jeweils 3 Partien. Vorsichtig hoffte Thilo bereits auf ein Spiel gegen einen der Hansch-Brüder aus Potsdam…

Runde 4

Ein Titelträger sollte es zunächst nicht werden, doch mit einem weiteren Sieg konnte Thilo nun sein selbstgesetztes Ziel aus eigener Kraft erreichen. Dafür jedoch musste er zunächst eine Spielerin mit TWZ 1722 ausschalten. Ob ihm das gelingen würde, war nicht klar.

Ich bekam währenddessen einen talentierten Jugendspieler vor die Nase gesetzt, der theorieaffin war. Also brachte ich ihn raus aus der Theorie. Das klappte zunächst auch ganz gut und wir waren mitten in der Partie, als nach gerade einmal 45 Minuten Spielzeit plötzlich Thilo in mein Sichtfeld trat, über beide Ohren grinste und siegreich seinen Daumen nach oben reckte.

„Ähm…“

Meine Gedanken in diesem Moment.

Aus der Eröffnung heraus hatte Thilo zwar einen Bauern verloren, dann aber wieder die richtige Entscheidung getroffen: Er spielte aggressiv, stellte Drohungen auf und stellte schließlich eine Falle, in die seine Gegnerin hineintappte: Figurgewinn war die Folge und Thilo erkämpfte sich sein Endspiel gegen einen Titelträger.

An dieser Stelle könnte man ganz unauffällig so tun, als wäre die Runde 4 erfolgreich vorbei gewesen, aber der Bericht soll ja vollständig sein.

Zurück am Brett nahm ich nun selber einen Bauern im Wissen, dass mein Gegner dafür Aktivität entwickeln würde. Ob das korrekt war, habe ich noch nicht überprüft – aber in jedem Fall habe ich meine Fähigkeiten, dem Angriff standzuhalten, überschätzt. Mein Gegner hatte schließlich einen Mattangriff auf dem Brett und hätte nur noch seinen Läufer opfern müssen, dann hätte ich sofort aufgegeben.

„Never resign!“

GM Ben Finegold

Aber er wollte es besonders schön machen. Er opferte statt des Läufers seine Dame – die einzige Hoffnung, die ich noch hatte. Denn in der nachfolgenden Kombination hing nun plötzlich sein Turm, der Mattangriff war keiner mehr, und als ich die Stellung mit unzählbarem Mehrmaterial konsolidierte, gab er auf.

Das Ergebnis stimmte zwar, aber das Spiel war für die Tonne!

Runde 5

In meiner letzten Partie gelangte ich unvorbereitet in eine Eröffnung, die ich schon seit Jahren nicht mehr spielen wollte. Das war nicht ganz optimal von mir…

Ich machte das Beste daraus, versuchte mich an alles zu erinnern und hatte Glück, dass mein Gegner keine Ahnung hatte. Allerdings spielte das bei dieser Eröffnung auch keine große Rolle – Weiß konnte ziehen, was immer er wollte.

Als sich der Rauch gelichtet hatte, einigten wir uns schließlich auf ein Remis. Später allerdings, während der Analyse, wurde klar, dass ich wohl hätte weiterspielen sollen. Es gab zwar keine zwingenden Drohungen, aber mit Schwarz hatte ich das leichtere Spiel. Weiß hätte mit Leichtigkeit in irgendetwas hineintappen können. Memo von Gegenwartsrafael an Zukunftsrafael: In Bamberg sind keine Remis erlaubt!

Thilo spielte unterdessen an Brett 1 sein Endspiel gegen FM Karsten Hansch vom SC Empor Potsdam um den möglichen Turniersieg. Ja: Turniersieg. Der FM mit TWZ über 2300 spielte in der letzten Runde gegen DWZ 1270. Das erlebt man auch nicht alle Tage!

Allerdings muss man leider sagen, dass Thilo bereits aus der Eröffnung heraus verlor und seine Stärken in dieser Partie somit nicht zeigen konnte.

Siegerehrung

Trotz der Niederlage am ersten Brett erreichte Thilo damit hinter der Familie Hansch und der Landesmeisterin Yara Mathilda Stowicek mit 3,5 Punkten aus 5 Partien den 5. Platz von insgesamt 38 Teilnehmern. Das Training und die vielen Mühen haben sich gelohnt!

Ich selbst landete mit 3,0 Punkten auf dem 13ten Platz.

Die Sieger in der Wertung „Männer“, geordnet nach Körpergröße.

Fazit

Es war wunderbar, endlich mal wieder Wettkampfpartien spielen zu können. Die Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen und man hat auch deutlich gemerkt, dass die Wertungszahlen nicht mehr viel aussagen: Manche haben viel geübt, andere weniger.

Einer der schönsten Aspekte bei solchen Turnieren ist, dass man stets mit seinen Gegnern ins Gespräch kommt, neue Leute kennenlernt und Beziehungen knüpfen oder vertiefen kann. Ich hoffe, dass es auch in Zukunft weiter die Chance gibt, den Schachbetrieb fortsetzen zu können.

Gerne auch auf Dauer bleiben darf der großzügige Platz zwischen den Spieltischen sowie die perfekten Turnierbedingungen 🙂

Insgesamt war die Offene Bezirkseinzelmeisterschaft in Halle ein rundum empfehlenswertes Turnier, zu dem wir gerne wiederkommen. Vielen Dank den Organisatoren, ihr habt das wahrlich toll gemacht!

Ausblick

Bereits in einer Woche spielen wir schon wieder in Bamberg. Dort dann in unterschiedlichen Gruppen – vielleicht gewinnt ja einer von uns? 😀

Alle Ergebnisse des Turniers

Offizieller Turnierbericht vom Schachbezirk Halle

Thilo gewinnt in Neubrandenburg

Auch in diesem Jahr war das alljährliche Eintracht-Open in Neubrandenburg wieder ein fester Bestandteil meines Turnierkalenders. In diesem Jahr war Thilo mit von der Partie. Nach seinen enormen Fortschritten in letzter Zeit, u.a. beim 7. Weihnachtsturnier, dem 4. Platz beim Neujahrsblitz und seinen Remisen in der Regionalklasse gegen DWZ 1500 und 1450, waren wir uns schon im Vorfeld einig, dass er in der C-Gruppe prinzipiell jeden Gegner schlagen kann. Aber zu diesem Zeitpunkt war das noch nur eine vage Hoffnung.

„Kein Leistungsdruck!“

Ein nicht sehr hilfreicher Kommentar auf der Hinfahrt.

Trotz dass uns das Navi einen anderen Weg geschickt hat als geplant, kamen wir insgesamt ganz gut durch. Man sieht eben jedes Jahr etwas Neues.

Ein kurzer erster Abend

Fast pünktlich wurde kurz nach 19 Uhr die Auslosung bekannt gegeben und das Turnier begann.

Thilo war leider sehr schnell fertig. Er hatte spielfrei bekommen, weil er noch keine DWZ hatte und so weit hinten im Alphabet steht – deshalb war er in der C-Gruppe als Letztplatzierter gesetzt.

Ich hatte Weiß und einen Jugendlichen aus Greifswald mit 1702 DWZ. Mein Gegner opferte früh einen Bauer, wodurch ein sehr taktisch geprägtes Spiel entstand, bei dem ich letztlich den besseren Blick hatte (oder auch einfach nur das Glück, dass alles irgendwie aufzugehen schien).

In diesem unausgeglichenen Endspiel patzte mein Gegner und zog 34…c5?, wonach der weiße Springer mit Tempo zu den schwachen Bauern am Königsflügel gelangt. In der Partie gelang es mir, diese verlustfrei abzutragen, sodass die Mehrfigur dann entscheidend zur Umwandlung beitrug.

Starke Gegner am nächsten Morgen

Für mich ging es in der zweiten Runde gegen den Zweiten der Setzrangliste, während Thilo in seiner Gruppe ebenfalls gegen ein Schwergewicht ran musste, nämlich gegen die Nummer Drei mit über 1200 DWZ.

Bei meiner Partie war ich einfach blind. Ich habe die ganzen guten Züge nicht gefunden und bin dadurch in unnötige Schwierigkeiten geraten. Ein Qualitätsopfer brachte meinem Gegner dann entscheidenden Vorteil, den ich nicht mehr ausgleichen konnte.

Zwischendurch hatte ich schon bei Thilo geguckt und fand, dass es ein gutes Zeichen war, wenn er einen Mehrbauer hat und sein Gegner ungläubig den Kopf schüttelt. Thilo machte es dann jedoch nochmal spannend, als er in herausgespielter Gewinnstellung einen Turm hängenließ. In herber Zeitnot griff sein Gegner kurz darauf ebenfalls fehl, stellte die Dame ein und gab auf. Thilo gewann – es war zwar am Ende Glück dabei, aber er hatte die längste Zeit die bessere Stellung und auch besser gespielt. Somit war der Punkt durchaus verdient.

Ungenutzte Gewinnstellungen am Abend

Während Thilo in seiner Gruppe von nun an am ersten Brett gegen den Setzlistenersten knobeln durfte, gelang es mir, gegen einen gemütlichen älteren Herren meine Stellung zusehends zu verbessern und Vorteile herauszuspielen. Eine erste Mattmöglichkeit habe ich völlig übersehen, aber auch so hatte ich eine starke Gewinnidee, indem ich meinen c-Bauern mit Tempogewinn bis auf die 6. Reihe vorschob.

In dieser Stellung gibt es nicht viele Möglichkeiten zu verlieren – aber 28.Td7?? ist definitiv eine. Stattdessen gewinnt das einfache 28.g3, weil Schwarz überhaupt keine sinnvollen Züge mehr hat.

Nach dieser ungemein ärgerlichen Niederlage stellte sich heraus, dass auch Thilo eine Gewinnstellung nicht genutzt hatte. In einem Bauernendspiel mit Mehrbauer akzeptierte er das Remisangebot des Setzlistenersten. Man kann halt noch nicht jedes Thema ausgiebig behandeln, aber ich denke mal, wir setzen uns künftig trotzdem dran. Dennoch hat er aus seiner Gewinnstellung mehr gemacht als ich!

Anschließend gingen wir in den „Mudder-Schulten-Stuben“ etwas essen, weil das „Wiekhaus 45“ geschlossen hatte – bei Mudder Schulten vermutete man, wegen Reichtum. Während ich wie immer meinen Mecklenburgischen Pflaumenbraten wählte, bestellte Thilo zu später Stunde ein Bauernfrühstück. Ja, ja, die Jugend ^^

Thilos großer Tag

Vielleicht wäre das Bauernfrühstück aber die bessere Wahl gewesen, denn die Ergebnisse am nächsten Tag sprachen für sich.

Rafael bei der fünften Partie am Karnevalssonntag.

Während ich oben in der A-Gruppe nach dem vierten Zug bereits ans Aufgeben dachte, spielte Thilo unten wieder an Brett 1 gegen einen anderen Jugendlichen, der bisher alles gewonnen hatte und einen starken Eindruck hinterlassen hatte.

Ich setzte zügig noch ein paar Figuren, aber da war nichts mehr zu machen. Als dann Matt in 10 (oder so) auf dem Brett war, gab ich auf und rauschte neugierig ab in den anderen Spielsaal, wo Thilo ein wenig überrascht war, mich bereits bei seinem zehnten Zug zu sehen. Thilo hatte schon wieder einen gesunden Mehrbauern und dazu einen guten Stellungsvorteil.

Aber er war irre nervös, schon wegen der Situation an sich, aber auch weil sein Gegner mit Begleitung da war, die immer wieder am Brett stand. So hatte mein frühes Aus letztlich auch etwas Gutes, denn Thilo spielte fortan mit meinem Käppi und konnte seine Umgebung damit ausblenden.

Die Partie von ihm war wirklich gut, er hat fast alles gesehen und konsequent gespielt. Für eine taktische Finesse hat ihm lediglich ein einziger Zug gefehlt, den weder sein Gegner noch dessen Trainer auf dem Schirm hatte. Aber kurze Zeit später konnte er trotzdem abwickeln, weil er zurecht seine beiden weit vorgerückten Freibauern stärker einschätzte als den gegnerischen Turm!

Der entscheidende Moment

In der letzten Runde bekam ich nochmal eine Chance, mein Ergebnis zu verbessern. Mein Gegner spielte den Skandinavier ungenau und ließ einen wuchtig aussehenden Angriff zu, den ich wahrscheinlich falsch gespielt habe. Bestimmt wäre irgendwo mehr drin gewesen, aber ich hatte es nicht gesehen. War aber nicht schlimm – als ein vermutlich nicht mehr zu verwertendes Schwerfigurenendspiel auf dem Brett war, akzeptierte ich das Remisgebot des Gegners und holte somit „nur“ den halben Punkt.

Thilo hatte seiner Gegnerin unnötig Chancen gelassen und nacheinander seine Mehrbauern eingestellt. Dann aber bekam er eine Stellung aufs Brett, die wir genau so schon im Training behandelt hatten, und holte aus der Philidor-Stellung heraus den vollen Punkt!

Nach der Turmfesselung erhält Thilo die Opposition und kann den Bauern umwandeln.

Mit 4,5 Punkten stand Thilo somit als Sieger in der C-Gruppe fest, einen halben Punkt vor seinen Konkurrenten und auch mit besserer Buchholzwertung.

Siegerehrung

Es ist total beeindruckend, was Thilo in seinem ersten Schachjahr bereits geschafft hat. Bei ihm zeigt sich sehr, dass Motivation und Ehrgeiz die wichtigsten Eigenschaften sind, um nach oben zu kommen. Das, gepaart mit guter Eigeninitiative und weiterem Intensivtraining, wird ihm noch viele schöne Partien bescheren.

Für ihn war das sicherlich ebenso ein besonderes Erlebnis. Gefühlt hat nach der dritten Runde die Hälfte der Teilnehmer (und Betreuer) mit ihm mitgefiebert und ihm die Daumen gedrückt, schließlich war er nominell der totale Underdog mit der tiefsten Startnummer. Jetzt hat er bei seinem zweiten DWZ-Turnier gleich gewonnen und darüber hinaus eine Erst-DWZ von 1436 erhalten, was ungewöhnlich hoch ist.

Thilo, nächste Saison erwarte ich dich in der Regionalliga 🙂

Fazit

Nächstes Jahr findet das Turnier erneut vom 19.02.-21.02. statt. Vielleicht gelingt es dann ja, noch den ein oder anderen weiteren Mitspieler zur Teilnahme zu überreden. Mit zwei Pokalen aus vier Teilnahmen ist die Ludwigsfelder Quote bisher ganz gut – und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass das Turnier als Motivationshappen taugt!

Lennard gewinnt in Leegebruch

Menschen, die sich neben dem Genuss von Schachliteratur auch gerne mit Literatur im Allgemeinen befassen, ist das Tautogramm als Stilmittel sicher geläufig. In diesem Zusammenhang wäre es spaßig gewesen, wenn Lennard vom Ludwigsfelder SC in Leegebruch in der L-Gruppe gespielt hätte. Schlussendlich wurde unser Nachwuchsspieler dann jedoch in der P-Gruppe aktiv.

Das Leegebrucher Winterturnier fand wie jedes Jahr am zweiten Samstag im Januar des neuen Jahres statt. 96 Schachspieler aus Berlin und Brandenburg trafen sich zum 11. Jubiläum des DWZ Tagesturnieres und kämpften in 24 Gruppen um die Plätze. Der Austragungsort des Turnieres war zum wiederholten Male die Pestalozzi Grundschule in Leegebruch.

Die Schulleiterin und auch der Bürgermeister richteten nette Begrüßungsworte an die Anwesenden. Dann wurde das Wort dem Hauptschiedsrichter Nikolas Nimptsch übertragen, der in gewohnt souveräner Weise sein Team vorstellte und auf die Modalitäten der Veranstaltung hinwies.

In Lennards Gruppe waren auch ein 48-jähriger Spieler vom SK International 2010 Berlin und zwei Kinder ähnlichen Alters wie Lennard, die von den renommierten Schachvereinen TSG Oberschöneweide und SC Weisse Dame Berlin stammten. Es sollte also keine leichte Aufgabe für unseren Spieler werden.

Schachmatt in der ersten Runde

Die teilweise doch sehr stark schwankenden Leistungen sehr junger Spieler konnte man in dieser Gruppe sehr gut beobachten. Lennard kam gut aus der Eröffnung und gab nach etwas ungeduldigem Spiel das starke Läuferpaar gegen das schwache gegnerische Springerpaar.

Eine einzügige Taktik hätte ihm die Qualität und vermutlich den Sieg gebracht. Leider agierte er in dieser Partie unglücklich und nutzte die Bedenkzeit nicht aus. Auf den vermeintlichen Leichtfigureneinsteller des Gegners fiel er leider herein und ließ sich Matt setzen.

Es war also ein katastrophaler Start, der einiges an ruhigen Motivationsgesprächen erforderte, um Lennard wieder aufzubauen.

Mut und Übersicht wurde belohnt

In der 2. Runde agierte er dann gegen den erwachsenen Gegner wie ausgewechselt, spielte eine starke Eröffnung und opferte sogar mutig den Läufer auf h7. Auch wenn er es vermutlich nicht bis zum Ende durchrechnen konnte, war der Angriff sehr stark und der Gegner hätte eine Reihe einzig richtiger Züge spielen müssen, um hier noch zu bestehen.

Lennard setzte alles auf eine Karte, kämpfte wie ein Löwe und riss mit einem weiteren Qualitätsopfer die Stellung komplett auf. Als dem Gegner in höchster Not noch die „Einkesselung“ der Dame drohte, gab dieser entnervt auf. Nach der folgenden Analyse, in der ich einfach feststellte, dass manch ein 1700er Spieler, mich eingeschlossen, die Stellung nicht hätte durchrechnen können, erreichte Lennards Selbstbewusstsein eine neue Dimension.

In der 3. Runde spielte er sicher eine relativ unbekannte und unorthodoxe Variante gegen 1. e4 und zwang seine Gegnerin zum intensiven Nachdenken. Das gipfelte darin, dass sie nach 15 Zügen nur noch 10 min Restbedenkzeit für weitere 15 Züge hatte. Sie wurde nervös und Lennard behielt eiskalt die Übersicht. Er sperrte erst einen Läufer ein und dann folgte im Anschluss eine zweizügige Taktik, die eine weitere Qualität gewann. Zusammengefasst hieß das, dass seine Gegnerin mit einem ganzen Turm weniger zurückblieb und keinen Angriff hatte. Also gab sie auf.

Als Krönung des Turnieres entschied dann die Feinwertung, dass kein weiterer Stichkampf erforderlich wäre. So wurde Lennard bei seiner dritten Teilnahme in Leegebruch zum 2. Mal nach 2018 Gruppensieger in seiner Gruppe. Mein Dank geht an die Leegebrucher Schachfreunde und alle Helfer, die dieses tolle Turnier immer wieder ermöglichen.

Alle Ergebnisse des Turniers

Die fast glorreichen Sieben in Potsdam

Da nun bereits wie im vorigen Jahr die DSAM auch in Potsdam Halt machte, also quasi vor unserer Haustür, konnten sich diesmal neben den üblichen Verdächtigen Rafael, René und Michel auch zwei Jugendspieler des LSC zur Teilnahme bewegen lassen: Hagen spielte sein zweites Turnier und für Thilo sollte es die erste Teilnahme werden.

Seit geraumer Zeit steht die Deutsche Amateurmeisterschaft unter dem Motto „Die glorreichen 7“, bedingt durch 7 Qualifikationsturniere in 7 Leistungsgruppen. Wir wollten dieses Motto bekräftigen und durch die Teilnahme von Rafaels Bruder Jonatan sowie unseres guten Freundes und ehemaligen Mitstreiters Sebastian Motsch, waren wir also quasi im erweiterten Familienkreis auch zu siebent.

Optimale Spielbedingungen

Es war nun nach Dresden und Düsseldorf das 3. Qualifikationsturnier der laufenden Saison. Im Kongresshotel am Templiner See in der Nähe des Luftschiffhafens fanden wir optimale Spielbedingungen vor. Rafael, René und Michel spielten in der C-Gruppe, Hagen und Sebastian in der Gruppe F, Jonatan in Gruppe D und DSAM Neuling Thilo startete in Gruppe G. Die Gruppen spielten diesmal in mehreren Sälen und waren bunt im Hause verteilt. Einzig Thilo und Jonatan spielten diesmal im Hauptsaal, während unsere 3 Spieler in der C-Gruppe schon ziemlich abseits agierten. Man musste schon sehr lange Wege gehen, wenn man allen Partien der 7 folgen wollte. Dennoch tat es der positiven Grundstimmung keinen Abbruch.

Das Turnier war einmal mehr super organisiert und der Teilnehmerrekord von Düsseldorf konnte auch um wenige Spieler geknackt werden. Für Heiterkeit sorgte auch die neu eingeführte Vereinswertung, wo die jeweils 4 Besten eines Vereins um Preise kämpften. Michel bildete wieder mit der ehemaligen Ludwigsfelderin Cordelia Koppe aus Rüdersdorf das Duo in der gemischten Wertung. Die beiden ehemaligen Ludwigsfelder Gymnasiasten wählten auf Grund des industriellen Hintergrundes ihrer Wohnstädte den Namen „Kalksteinmercedes“, doch dieser kam während des gesamten Turnieres nicht so richtig in Fahrt.

Erfahrungsgewinne für alle

Es wäre jetzt müßig über alle Partien unserer Spieler zu diskutieren. So richtig erfolgreich wurde es letztendlich für niemanden. Wir freuten uns alle sehr für Thilo, der bei seiner ersten Teilnahme 3 Siege aus 5 Partien holte. Ein tolles Ergebnis. Hagen, der in diesem Jahr eine Gruppe höher spielte, erreichte 2 Siege und war in der F-Gruppe damit einen Punkt glorreicher als Sebastian, der in diesem Jahr nicht so recht ins Turnier fand.

In der C-Gruppe erwischte René von uns allen den besten Start und hatte nach der 3. Runde schon 2,5 Punkte auf dem Konto. Hier sah es nach mehr aus. Leider verlor er dann die letzten beiden Runden und konnte sich nicht belohnen. Rafael erreichte ebenfalls am Ende die 50% Marke. Vermutlich hatte er sich nach seinen starken Turnieren in Magdeburg, Korbach und bei der Brandenburger Einzelmeisterschaft mehr erhofft. Jonatan und Michel schafften zusammen 8 Remis, was dann aber auf Grund des starken Teilnehmerfeldes nur hintere Plätze bedeutete.

Partieanalysen mit Großmeistern

Zwischen den Partien konnte man sich am Chessbase Stand an Taktikaufgaben versuchen und der Deutsche Schachbund stellte für die Analyse der Partien GM Robert Rabiega sowie die beste deutsche Schachspielerin Elisabeth Paehtz ab. Hier nutzten erfreulicher Weise unsere Jugendspieler die Möglichkeit ihre Partien analysieren zu lassen.

Fazit

Auch wenn in diesem Jahr in Potsdam der große Wurf ausblieb, kann man doch von einem schönen Turnier sprechen. Wenn man in der ersten Woche des Jahres so viele bekannte und gut gelaunte Gesichter sieht und gemeinsam seinem Hobby fröhnen kann, ist das einfach nur toll.

Gerade für den Nachwuchs sind diese Erfahrungen ungemein wichtig und lehrreich. Der positive Spirit wird uns in dieser Saison hoffentlich noch lange begleiten.

Michel bei der DSAM in Düsseldorf

Kurz vor Weihnachten nahm ich den Flieger von Tegel nach Düsseldorf um am zweiten Qualifikationsturnier der DSAM Saison 2019/2020 teilzunehmen.

Das Turnier fand erstmalig in der schönen Metropole am Rhein statt und so fiel mir die Entscheidung zur Teilnahme unter verschiedenen Gesichtspunkten relativ leicht. Zum einem hatte ich es mir als Ziel gesetzt, alle angebotenen Standorte irgendwann mindestens einmal gespielt zu haben. Zum anderen war ich auf Grund meiner Elozahl erstmalig berechtigt in der C-Gruppe anzutreten. Ich widerstand also der Versuchung, in der D-Gruppe, wie in der letzten Saison, um die Preise mitzuspielen. Außerdem erhoffte ich mir einen größeren Lerneffekt für mein Spiel und ich wollte generell wissen, wie gut ich hier mithalten kann.

Das Hilton in Düsseldorf bot perfekte Voraussetzungen für ein Turnier dieser Größe. Es sollte mit fast 600 Spielern, das bisher größte DSAM Turnier der Geschichte werden. Alle Spieler des Turniers spielten in einem riesengroßen, optisch beeindruckenden Saal.

Der Spielsaal in Düsseldorf

Ein holpriger Start

Ich sollte es bei diesem Turnier mit durchweg zahlenmäßig besseren Spielern zu tun bekommen.

In der ersten Runde konnte ich mir mit Schwarz einen Vorteil in Form eines Bauern erarbeiten, den der Gegner jedoch mit der aktiveren Stellung kompensierte. Es lief relativ gut, bis ich dann versuchte, mit aller Gewalt den Bauern zu halten, anstatt ihn für ein ausgeglichenes Endspiel mit Chancen zurückzugeben. Mein Gegner zeigte mir dann demonstrativ, dass der verteidigende Springer in der Ecke nichts zu suchen hat. Also verlor ich unglücklich die erste Runde.

In der zweiten Partie sollte ein weiteres Kuriosum meiner schachlichen Laufbahn folgen. Ich konnte mit Weiß, nachdem mich der Gegner nicht ein einziges Mal unter Druck setzte, in ein Endspiel Turm + Bauer gegen Turm abwickeln. Hier zeigte sich einmal mehr eine große Baustelle meines Spiels. Es gelang mir nicht, den Vorteil zu verwerten. Ich bot meinem Gegner Remis an, welches er jedoch ablehnte! Er verstand bis zum Schluss nicht, dass ich für jeden Zug ein Inkrement von 30 s dazu bekam. Im 80. Zug reklamierte er auf ZÜ, welches der Schiedsrichter kopfschüttelnd ablehnte. Auch ein weiteres Remisangebot nahm er nicht an.

Meine Mitschriften waren leider zu unsauber, daher traute ich mich nicht, auf Stellungswiederholung zu reklamieren. Also war mein Plan, mit der 50 Züge Regel das Remis trotz Mehrbauern einzufordern. Im 123. Zug bot ich nochmal Remis, welches der Gegner dann akzeptierte. Für diese Unsportlichkeit verweigerte ich dann den Handschlag.

Wärst du doch in Berlin geblieben

Das Personal vom Hilton Hotel tat wirklich sein Bestes, es den Teilnehmern so angenehm wie möglich zu machen. Auch ein opulentes Frühstücksbuffet gehörte zum Aufenthalt dazu. Von sportlicher Ernährung war ich also an diesem Wochenende weit entfernt.

In der dritten Runde kam ich mit Schwarz quasi reversed zu einem Angriff, den ich oft mit Weiß spiele. Mein jugendlicher Gegner mit 1900 Elo kannte ihn nicht. Ich veropferte mich jedoch und der Gegner konnte den Angriff widerlegen. Im 18. Zug gab ich also auf.

Das war die frustrierendste Partie des gesamten Turniers. Ein alter Schlager von Dorthe schoss mir durch den Kopf. („Wärst du doch in Düsseldorf geblieben“) In meinem Fall wäre es, auf den Text angelehnt, wohl besser gewesen, in Berlin zu bleiben, weil ich nie ein guter Schachspieler sein werde. Das wäre demzufolge für Düsseldorf am Rhein das Beste gewesen.

In der 4. Runde spielte ich gegen Königsindisch und mein Gegner erzwang durch entsprechende Abtauschaktionen ein Remis. Mit einem Punkt aus 4 Partien fühlte ich mich nicht gerade glücklich. Gott sei Dank war ein Eiswürfelautomat vor meiner Zimmertür und ich konnte mich abends mit ein paar Drinks trösten. Nebenbei drückte ich dann den wenigen Brandenburger Spielern die Daumen und natürlich Rafaels Bruder, der ebenfalls angereist war.

Kein schnelles Remis in Runde 5

In der letzten Runde bekam ich es mit einer netten Gegnerin mit einem Doktortitel in Chemie zu tun. Nach einem kurzen Plausch und ein paar Zügen testete ich dann, ob sie evtl. früh nach Hause möchte und bot Remis an. Aber sie wollte weiterspielen.

Als sie nur noch 2 Minuten und ich 4 Minuten auf der Uhr hatte , schätzte sie meine Stellung besser ein und bot Remis. Ich fand ihre Stellung besser und nahm an. Somit erzielte ich bei meiner achten Teilnahme an einem DSAM Qualifikationsturnier das schlechteste Ergebnis. Trotzdem verlor ich nur 12 DWZ Punkte, was einmal mehr zeigte, wie stark die Gegner waren. Ich nahm mir also vor, beim folgenden Turnier in Potsdam das Ergebnis zu verbessern.

Fazit

Düsseldorf war spitzenmäßig organisiert und es hat trotz meiner schlechten Leistung großen Spaß gemacht.